Irgendwann passiert es jeder Strickerin: Du siehst einen Pullover, den du unbedingt haben willst, fragst nach der Anleitung – und die Antwort lautet „Ist auf Ravelry". Du gehst auf die Seite, siehst ein Login-Fenster, und das war's dann erstmal.
Dabei ist Ravelry das mit Abstand nützlichste Werkzeug, das es für unser Handwerk gibt. Es ist kostenlos, es ist riesig, und es beantwortet Fragen, die dir sonst niemand beantworten kann – zum Beispiel, ob ein Garn nach dem Waschen in die Länge geht, oder wie ein Pullover an einem Körper aussieht, der deinem ähnelt.
Dieser Guide zeigt dir, was Ravelry ist, wie du dich zurechtfindest, wie du gezielt deutschsprachige Anleitungen findest – und wie du von der gefundenen Anleitung zum passenden Garn kommst.
Was Ravelry eigentlich ist
Ravelry ist eine kostenlose Website für Strickerinnen, Häklerinnen, Spinnerinnen und Weberinnen. Die Gründerinnen Jessica und Cassidy haben im Oktober 2006 die erste Zeile Code geschrieben; heute sind laut Ravelry über neun Millionen Menschen dort angemeldet.
Was Ravelry so besonders macht: Es ist kein Shop und kein Magazin, sondern drei Dinge gleichzeitig.
Eine Datenbank. Anleitungen, Garne, Designerinnen, Verlage, Wollläden, Marken – alles miteinander verknüpft. Knapp eine halbe Million Anleitungen lassen sich direkt auf der Seite herunterladen.
Ein Notizbuch. Deine Projekte, dein Garnvorrat, deine Nadeln, deine gekauften Anleitungen, deine Merkliste. Alles an einem Ort, alles durchsuchbar.
Eine Community. Foren und Gruppen zu praktisch jedem Thema – von einzelnen Designerinnen über Techniken bis zu regionalen Stricktreffs.
Der entscheidende Punkt ist, dass alle drei Ebenen miteinander verbunden sind. Wenn du dein Projekt einträgst, taucht es auf der Seite der Anleitung auf und auf der Seite des Garns. Millionen Strickerinnen tun das – und genau daraus entsteht der Wert.
Anmelden: kostenlos, aber nötig
Ravelry ist kostenlos. Du brauchst nur eine E-Mail-Adresse, es gibt keine Bezahlversion und keine Abo-Falle.
Ein Account ist allerdings kein optionales Extra: Die Anleitungssuche, die Foren und dein Notizbuch liegen hinter dem Login. Wenn du nicht angemeldet bist und die Musterdatenbank aufrufst, landest du auf der Anmeldeseite. Das ist der Grund, warum so viele beim ersten Besuch wieder abspringen.
Ohne Account öffentlich zugänglich sind unter anderem die Garnseiten. Du kannst dir also ansehen, welche Daten Ravelry zu einem bestimmten Garn führt, bevor du dich registrierst – aber für alles Weitere lohnt sich die Anmeldung sofort.
Profi-Tipp: Ravelry auf Deutsch umstellen
Die Oberfläche ist zwar auf Englisch voreingestellt – aber das musst du nicht hinnehmen. Ganz unten auf der Seite findest du die Sprachauswahl; der direkte Weg führt über ravelry.com/translate. Deutsch und Französisch gibt es dort schon lange.
Das kennen erstaunlich wenige, und es senkt die Einstiegshürde spürbar. Zwei Einschränkungen aber: Die Übersetzung stammt von Freiwilligen aus der Community und ist nicht vollständig – dir werden weiterhin englische Begriffe begegnen. Und die Anleitungen selbst werden dadurch natürlich nicht übersetzt; die bleiben in der Sprache, in der die Designerin sie geschrieben hat.
Diese Vokabeln begegnen dir also so oder so – im Menü, in Anleitungen, in den Projektnotizen anderer:
| Ravelry | Was gemeint ist |
|---|---|
| pattern | Anleitung |
| project | Dein konkretes Strickstück |
| queue | Deine Warteschlange geplanter Projekte |
| stash | Dein Garnvorrat |
| favorites | Merkliste |
| library | Deine gekauften und geladenen Anleitungen |
| yardage | Lauflänge |
| gauge | Maschenprobe |
| needle size | Nadelstärke |
Wenn du in der Anleitung selbst über englische Abkürzungen stolperst, hilft dir unser Strick-Übersetzer und der Artikel Strickanleitungen lesen weiter.
Anleitungen finden: die erweiterte Suche ist der ganze Trick
Die einfache Suchleiste liefert dir bei „Pullover" tausende Treffer. Nützlich wird Ravelry erst über die erweiterte Suche (pattern browser & advanced search unterhalb des Suchfelds). Dort filterst du links über eine lange Liste von Kriterien – und kombinierst sie beliebig.
Die Filter, die im Alltag wirklich zählen:
Craft – Stricken oder Häkeln. Klingt banal, spart aber die Hälfte der Fehltreffer.
Availability – hier findest du unter anderem den Filter für kostenlose Anleitungen. Wenn du erstmal stöbern willst, ohne Geld auszugeben: hier anfangen.
Language – der wichtigste Filter für uns. Dazu gleich mehr.
Yarn weight – Lace, Fingering, DK, Worsted und so weiter. Wenn du schon weißt, welches Garn du verstricken willst, filterst du hier direkt auf die passende Gewichtsklasse. Falls dir die Kategorien nicht geläufig sind: Garngewichte erklärt.
Yardage – Lauflänge. Der Filter, den kaum jemand nutzt und der am meisten bringt: Du hast 400 m Fingering übrig und suchst etwas, das genau damit funktioniert. Genau dafür ist er da.
Attributes – Konstruktion (top-down, bottom-up, seamless), Ausschnitt, Ärmelform, Muster. Hier wird es richtig fein.
Du kannst eine einmal gebaute Suche speichern und später mit einem Klick wieder aufrufen. Wer regelmäßig sucht, spart sich damit viel Zeit.
Auf Deutsch stricken
Der Sprachfilter (language) ist der Grund, warum sich Ravelry auch dann lohnt, wenn du keine englischen Anleitungen stricken möchtest. Du wählst dort Deutsch aus – und siehst nur noch Anleitungen, die auf Deutsch vorliegen. Wenn du beide Sprachen kannst, wählst du einfach beide aus, dann werden Anleitungen in einer der beiden Sprachen angezeigt.
Zwei Dinge dazu, ehrlich gesagt: Der deutschsprachige Anteil ist deutlich kleiner als der englische. Und der Filter zeigt an, welche Sprachen die Designerin hinterlegt hat – bei einigen Anleitungen ist die deutsche Fassung nachgereicht worden oder eine Übersetzung, die nicht ganz die Qualität des Originals hat.
Umgekehrt gilt: Viele der schönsten Anleitungen gibt es nun einmal nur auf Englisch. Wenn du dich einmal durch eine englische Anleitung gearbeitet hast, ist die Hürde weg – und die Auswahl vervielfacht sich. Das ist der eine Schritt, der sich beim Stricken am meisten auszahlt.
Die eigentliche Superkraft: Projekte lesen
Das ist der Teil, den die meisten unterschätzen. Jede Anleitung auf Ravelry hat einen Reiter mit den Projekten anderer Strickerinnen – oft Hunderte oder Tausende. Und diese Menschen schreiben auf, was passiert ist.
Bevor du eine Anleitung kaufst oder anfängst, lohnt sich dieser Rundgang:
- Fotos in echt. Nicht das gestylte Designfoto, sondern das Ergebnis an normalen Menschen, in normalen Wohnzimmern, in verschiedenen Größen.
- Projektnotizen. „Ich habe zwei Runden weniger gestrickt, weil die Ärmel zu lang wurden." „Die Anleitung ist an dieser Stelle missverständlich." Solche Hinweise ersparen dir das Auftrennen.
- Garnwahl. Welche Garne haben andere genommen, und wie sieht das Ergebnis aus? Wenn du dasselbe Modell in zehn verschiedenen Garnen siehst, verstehst du sofort, worauf es bei diesem Muster ankommt – auf Drape, auf Struktur, auf Farbverhalten.
- Größe und Passform. Viele geben ihre Maße und die gestrickte Größe an. Damit triffst du eine Entscheidung, die auf echten Körpern beruht statt auf einer Größentabelle.
Diese kollektive Erfahrung findest du nirgendwo sonst gebündelt. Sie ist wertvoller als jede Bewertung mit fünf Sternen.
Die Garndatenbank – und was sie dir über ein Garn verrät
Genauso wie Anleitungen hat auch jedes Garn seine eigene Seite: Zusammensetzung, Lauflänge, Gewichtsklasse, empfohlene Nadelstärke und Maschenprobe, dazu die Farbpalette und alle Projekte, die damit gestrickt wurden.
Ein Beispiel aus unserem Sortiment: KFO Merino ist auf Ravelry mit 273 yards (250 m) auf 50 g gelistet, 100 % Merino, empfohlene Nadel 2–3 mm. Dazu über 44.000 eingetragene Projekte, mehr als 25.000 Einträge in Garnvorräten und eine Bewertung von 4,8 aus rund 4.500 Stimmen (Stand August 2026). Das ist die Art von Datenbasis, die dir sagt: Dieses Garn funktioniert, und zwar nachweislich.
Besonders praktisch ist der Reiter mit den Anleitungs-Ideen zu einem Garn. Du hast dich in ein Garn verliebt und weißt nicht, was daraus werden soll? Dort siehst du, was andere daraus gemacht haben.
Ein wichtiger Vorbehalt: Die Ravelry-Datenbank wird von der Community gepflegt. Das ist ihre Stärke – und ihre Schwäche. Angaben können veraltet oder anders eingeordnet sein, als die Marke selbst es tut.
Gleiches Beispiel, direkt zum Mitprüfen: Ravelry führt KFO Merino als Light Fingering, wir führen es als Fingering. Beides ist vertretbar – 500 m auf 100 g liegen genau an der Grenze zwischen den beiden Klassen. Aber es zeigt, warum du dich auf eine Kategorie allein nie verlassen solltest. Lauflänge und Nadelstärke sagen mehr als das Etikett der Gewichtsklasse, und die Maschenprobe sagt mehr als beides. Warum das so ist, steht in Warum diese 20 Minuten dein Projekt retten können.
Im Zweifel gilt außerdem immer die Banderole und die Angabe des Herstellers, nicht der Datenbankeintrag.
Dein Notizbuch: Projekte, Stash, Queue
Der zweite große Bereich ist dein persönliches Notizbuch. Vier Werkzeuge lohnen sich sofort:
Projects. Trage deine Projekte ein – mit Garn, Nadelstärke, Änderungen und Fotos. Klingt nach Aufwand, ist aber in fünf Minuten erledigt und in zwei Jahren Gold wert, wenn du wissen willst, welche Nadelstärke du damals genommen hast.
Stash. Dein Garnvorrat, digital. Der praktische Nebeneffekt: Du kannst gezielt nach Anleitungen suchen, die zu dem passen, was du schon zuhause hast – statt bei jedem Projektstart neu zu kaufen.
Queue. Die Warteschlange für alles, was du stricken willst. Ehrlicherweise wird sie bei den meisten von uns länger als das Leben – aber sie ist ein guter Ort, um Ideen zu parken.
Favorites. Die schnelle Merkliste für alles, was dir unterkommt.
Von der Anleitung zum Garn
Der häufigste Moment nach einer Ravelry-Session: Du hast die Anleitung, aber das empfohlene Garn ist nicht erhältlich, passt nicht ins Budget oder gefällt dir schlicht nicht. Dann brauchst du einen Ersatz, der sich ähnlich verhält.
Die Kurzfassung: Gewichtsklasse und Lauflänge sind der Ausgangspunkt, Faser und Konstruktion entscheiden über den Charakter, und die Maschenprobe entscheidet am Ende alles. Der ausführliche Weg dorthin steht in Garnsubstitution – So tauschst du Garne sicher aus.
Ein Hinweis, der leicht untergeht: Achte darauf, wofür ein Garn gedacht ist, nicht nur auf seine Zahlen. Ein Fingering-Garn ist nicht automatisch ein Sockengarn. KFO Merino zum Beispiel ist reine Merinowolle ohne Nylon – wunderbar für Tücher, Accessoires und Babysachen, aber für Socken nicht haltbar genug. Wer Socken stricken will, greift zu echten Sockengarnen.
Übrigens: Wir sind selbst auf Ravelry als Wollladen eingetragen. Wenn du in deinem Projekt oder Stash ein Garn erfasst, kannst du BONIFAKTUR als Bezugsquelle hinterlegen – so sehen andere Strickerinnen, wo es das Garn gibt.
Praktische Kleinigkeiten
Es gibt keine offizielle Ravelry-App. Die Seite funktioniert im mobilen Browser, und es gibt eine Reihe von Apps anderer Entwickler, die sich mit deinem Ravelry-Konto verbinden. Ravelry führt sie unter ravelry.com/about/apps auf.
Gekaufte Anleitungen liegen in deiner Library. Du kannst sie jederzeit erneut herunterladen – auch Jahre später und auch dann, wenn die Datei auf deinem Rechner längst verschollen ist. Ein Grund mehr, Anleitungen wenn möglich über Ravelry zu kaufen statt per E-Mail-Anhang.
Nicht jede Anleitung liegt auf Ravelry. Viele Designerinnen verkaufen zusätzlich über eigene Shops, und Anleitungen aus Büchern und Magazinen sind zwar in der Datenbank verzeichnet, aber dort nicht kaufbar. Der Eintrag sagt dir dann, in welchem Buch oder Heft du sie findest.
Die typischen Stolpersteine
Zu breit suchen. „Sweater" ohne Filter ist kein Suchergebnis, sondern eine Bildergalerie. Zwei, drei Filter setzen, und die Trefferliste wird brauchbar.
Die Projekte überspringen. Der teuerste Fehler. Fünf Minuten in den Projektnotizen ersparen dir manchmal fünf Abende Auftrennen.
Datenbankangaben für amtlich halten. Die Community pflegt sie – gut, aber nicht unfehlbar. Etikett schlägt Datenbank.
Alles auf einmal wollen. Ravelry ist groß. Fang mit einer Sache an – such eine Anleitung, trag ein Projekt ein. Der Rest kommt von selbst.
Ravelry ersetzt keinen Wollladen und keine Beratung. Was es kann: dir zeigen, was andere aus einem Garn gemacht haben, bevor du dich entscheidest. Und das ist beim Stricken erstaunlich viel wert.
Wenn du eine Anleitung gefunden hast und beim Garn unsicher bist, schreib uns einfach – dafür sind wir da.
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